Interview mit Professor Dr. René W. Dausner
Das Hauptthema des Wahlkampfes in Deutschland im Februar 2025: die Migration. Herr Professor Dr. René W. Dausner bietet mit dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Migration und Hospitalität“ neue Perspektiven auf die Thematik. Im Interview befragte unser Verlag Herrn Dausner zum philosophischen und interdisziplinären Ansatz des Buches sowie zur Botschaft des Bandes:
Der von Ihnen herausgegebene Sammelband setzt sich mit der europäischen Tradition des Zusammenlebens im Sinne von „Migration und Hospitalität“ auseinander. Warum haben Sie sich entschieden, diese Reflexion ausgerechnet mit Bezug auf Donatella Di Cesares philosophischen Ansatz zu führen?
„Donatella Di Cesare hat mit ihrem Werk „Philosophie der Migration“, das als unmittelbare Reaktion auf die Migrationswelle von 2015 bereits im Jahr 2017 auf italienisch erschienen ist, eine beeindruckende, innovative Form des Denkens vorgelegt. Dieses Buch, das in verschiedene Sprachen übersetzt wurde, liegt auch seit 2021 auf Deutsch vor. Mit dem Diskussionsband „Migration und Hospitalität“, der in der schönen Reihe „Texte & Kontexte der Philosophie“, die Michael Kühnlein geschaffen hat, wollte ich die beiden Brennpunkte — den Migrationsdiskurs auf der einen Seite und die politisch-philosophisch-theologische Rede von Gastlichkeit auf der anderen Seite — thematisieren. Gerade dieser Aspekt der Gastlichkeit kommt in der auf innere Sicherheit fokussierten Diskussion in der aktuellen Öffentlichkeit über Migration zu kurz. Mit dem Diskussionsband möchte ich diese Lücke schließen und zudem die Bedeutung einer neuen Philosophie der Migration, die die italienische Philosophin Di Cesare zu denken gibt, ins Gespräch bringen.“
Der Sammelband bringt verschiedene Disziplinen ins Gespräch. Welche neuen Erkenntnisse sind durch diesen interdisziplinären Austausch entstanden, die in einer rein philosophischen Auseinandersetzung möglicherweise verborgen geblieben wären?
„Der inter- und transdisziplinäre Charakter des Buches erlaubt es, die Migrationsthematik einerseits und die europäische Tradition der Hospitalität nicht einseitig zu beleuchten. Neben den philosophischen und theologischen Aspekten kommen auch Fragen aus der Migrationsforschung und postmigrantischer Gesellschaften sowie kulturwissenschaftliche Überlegungen zum Tragen. Die dadurch entstehende Multiperspektivität hätte selbstverständlich noch stärker erweitert werden können; interessant wäre auch eine intensivere Einbeziehung weiterer Forschungsergebnisse, zum Beispiel aus der Soziologie. In jedem Fall ist klar, dass ein Phänomen wie das der Migration, das unsere Gesellschaften auf Zukunft hin weiterhin und noch stärker beschäftigen wird, nicht eindimensional betrachtet werden kann. Die neuartige Philosophie der Migration bietet Denkmöglichkeiten, die nicht ohne erhebliche Verluste in empirischen und evidenzbasierten Wissenschaften außer acht gelassen werden können.“
Unsere Gesellschaft ist derzeit stark polarisiert. Welche zentrale Botschaft vermittelt dieses Buch – in aller Kürze und aus Ihrer persönlichen Perspektive – über die Menschlichkeit des Menschen?
„Die Polarisierung unserer Gesellschaften bereitet allen an dem Buch Beteiligten große Sorgen. Die Unterscheidung zwischen einem Wir und den von außen kommenden Fremden, verfehlt die Menschlichkeit des Menschen von Beginn an. Die Philosophie der Migration und die Tradition der Gastlichkeit können uns neu zu verstehen helfen, Fremde nicht als Bedrohung wahrzunehmen, sondern als das, was auch wir sind: als Menschen. Dieser Ansatz darf nicht mit Naivität verwechselt werden, sondern ist mit dem grundstürzenden Bewusstsein verbunden, dass wir uns selbst neu sehen lernen: Wir alle sind nur Gast auf Erden. Wir sitzen alle im selben Boot. Nicht Selbstbehauptung ist prioritär, sondern die Verantwortung für die auf uns Zukommenden, die Nächsten in Not. Wer das Buch „Migration und Hospitalität“ sowie die „Philosophie der Migration“ aufmerksam liest, lernt viel über sich selbst und wird die Welt und die anderen Menschen mit neuen Augen sehen.“
Abschließend ein zusammenfassender Blick auf das Werk: Im Jahr 2015 ist in Europa ein Bewusstsein für die Relevanz von Migration erwacht. Die berühmte Philosophin Donatella Di Cesare hat mit ihrem Buch „Philosophie der Migration“ (2017) erstmals eine philosophische Auseinandersetzung zu diesem zentralen Thema vorlegt. Das vornehmliche Ziel des Sammelbandes besteht darin, den innovativen Ansatz der italienischen Philosophin Donatella Di Cesare aufzugreifen und in interdisziplinären Beiträgen zur Geltung zu bringen. Gemäß der Buchreihe kommt Donatella Di Cesare selbst zu Wort, indem sie ihre Idee reformuliert und am Ende des Bandes auf die einzelnen Beiträge rückblickend reagiert. Migration und Hospitalität ist ein nachdenkliches Buch über die Menschlichkeit des Menschen.